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  Der Herr des Lichts
 

Der Herr des Lichts

 
 
Nun sitze ich hier und lasse vor meinem geistigen Auge noch einmal die letzten 2 Jahre eines Hundes Revue passieren, der etwas ganz Besonderes war. Ich muss gestehen, ich habe keinen meiner Pflegehunde so geliebt wie ihn und ich weiß, dass es den anderen gegenüber sehr, sehr ungerecht ist. Ich kann es nicht ändern. Es gibt Hunde, die lehren einem mehr über das Leben, als es jedes Buch kann. Hator war so ein Hund. Aber ich will von vorne anfangen:
Ich hasse Sonntage – im Regelfall klingelt mein dann immer mein Handy und ich bekomme eine SMS von irgendeinem ungarischen Tierschützer, der in irgendeiner der zahlreichen Abdeckereien irgendeinen alten Hund entdeckt hat, der dringend Hilfe benötigt. So auch an diesem Sonntag im März 2006. Alte English Setter Hündin, blind und taub, klapperdürr, gültige Impfpapiere – ja, klar, nehme ich, ich kann das alte Mädel ja schließlich schlecht dort sitzen lassen. Die alte Hündin entpuppte sich relativ schnell als alter Rüde. Er bieselte im Sitzen, weil er nicht mehr richtig stehen konnte, da kann man das schon mal verwechseln. Als ich den Buben abholte, fiel ich beinahe vom Glauben ab – riesengroß, ein Schädel wie ein Bär, strahlend weiß und wunderschön war er, ein Blinder hätte gesehen, dass das niemals eine Hündin sein konnte. Ich nannte ihn Ha'ura Mestra – den Herrn des Lichts, gerufen haben wir ihn nur Hator. Er war alles andere als taub. Die ersten Wochen bei uns war er sehr verwirrt, weinte und schrie in der Lautstärke eines Maulesels, wusste nicht, wo er war und hatte wohl ausschließlich die schlimmen Erinnerungen der Abdeckereien im Kopf, schließlich konnte er nicht sehen, was geschah und hörte nur die Todesschreie seiner Artgenossen. Ich übernachtete die ersten 14 Tage neben ihm auf dem Fußboden, um ihn wenigstens ein wenig zur Ruhe zu bekommen – er war nicht zu bewegen, mit uns im Schlafzimmer zu schlafen. Er konnte kaum aufstehen, schlimme Spondylosen und Arthrosen plagten ihn. Alle Rüden waren wie verrückt auf ihn – er hatte einen riesigen Hodentumor, der verstärkt weibliche Hormone ausschüttete und ihn wohl riechen ließ, wie eine läufige Hündin. Mit der Zeit normalisierte sich das Leben, er wurde ruhiger und nahm tüchtig an Gewicht zu und wir konnten ihn endlich operieren lassen. Er fand sich mittlerweile prima in seiner Umgebung zurecht, allerdings nur, wenn niemand von uns im Raum war. Wusste er, dass wir anwesend waren, rief er nach uns – er wolle essen, könne den Wassernapf nicht finden, wisse nicht mehr, wo sein Bett wäre. Er hat uns nach Strich und Faden an der Nase herum geführt. Wir haben ihn gelassen und sind natürlich seinen Wünschen nachgekommen. Er begann lange Waldspaziergänge zu lieben, er liebte das Rudel, schmusen und er war der einzige Hund, den wir kennen gelernt haben, dessen Zunge so ergonomisch geformt war, dass sie genau in das Nasenloch eines Menschen gepasst hat, was uns zu regelmäßigen „Jubel“schreien veranlasste. Leider hatte seine Zunge die Konsistenz eines Reibeisens. Hator liebte Tennisbälle – er biss sie kurzerhand in der Mitte durch, er hatte Kraft wie ein Bär. Wir hatten einen geradezu mörderischen Verschleiß. Wenn er mit uns auf einem der zahllosen Spaziergängen durch den Wald tapste, blieb er immer irgendwann stehen und „starrte“ in eine Richtung aus einem Grund, der nur ihm ersichtlich war. Wir brauchten eine Weile, um darauf zu kommen, warum das so war – es standen immer, aber wirklich immer, in dieser Richtung Rehe, auf seine Nase konnte man getrost seine Großmutter verwetten und hätte gewonnen. Der Rest unserer Oberjäger entdeckte die Rehe nur in einem Prozent der Fälle und zog an ihnen vorbei. Sein großes Hobby war der Hundebettenbau. Er meinte immer, davon hätten wir wohl gar keine Ahnung. Er grub Decken und Körbe so lange um, bis die Einrichtung seinen Vorstellungen entsprach.



Hator begann jubelnd durch das Leben zu ziehen und machte uns ausschließlich Freude.
Eines Tages im zeitigen Frühjahr, gut ein Jahr später, machten wir einen Ausflug zur Donau. Zielstrebig wandte der alte Eisbär seine Nase dem Wasser zu und ehe ich es mich versah, war er in den Fluten verschwunden. Nur der Kopf schaute noch heraus. Ich verfiel in Panik, ich hatte Angst, seine Kräfte könnten schwinden, ihn die reißende Strömung abtreiben oder sonst Gottweißwas passieren. Also Schuhe aus, die Hose und Jacke von mir geworfen – ich war jederzeit bereit, mich hinterher in die Fluten zu stürzen. Zugegeben, er war an die Leine (so eine ganz lange), aber das Halsband saß locker um seinen Kopf, die Strömung hätte es jederzeit abreißen können. Was Hator tat während ich aufgeregt am Ufer auf und ab sprang, nur in Unterwäsche? Nun, er schwamm wie ein junger Gott, lachte und alberte durch das Wasser, um nach kurzer Zeit wieder zum Ufer zurück zu kommen, patschnass natürlich, aber glücklich. Als er sich neben mir schüttelte, war ich innerhalb kürzester Zeit genauso triefnass wie er. Als ich mich erleichtert herum drehte, sah ich gar nicht so weit entfernt ein paar Spaziergänger stehen, die reichlich verwirrt ausschauten und die skurile Szene beobachteten – ich möchte gar nicht wissen, was sie gedacht haben über die beiden nassen Gestalten, eine wie ein kleiner nasser Eisbär ausschauend, die andere in Unterwäsche. Es folgten noch viele Badeausflüge, einen Urlaub am Meer bin ich dem Seebären aber schuldig geblieben, es hat sich einfach nie ergeben.
Im Herbst 2007 begann er langsam abzubauen, seine Spaziergänge wurden kurzer, er durfte nun selbst bestimmen, wie weit er laufen wollte. Hatte er genug, bockte er an der Leine und lief zielstrebig zurück nach Hause. Die Spondylosen und Arthrosen begannen ihren schmerzlichen Tribut zu fordern, er wurde inkontinent und ohne diverse Mittelchen ging gar nichts mehr. Bis Mai ging es noch, dann gab sein Körper auf – sein Geist hat nie aufgegeben. Wir sind diesen letzten Weg mit ihm gegangen, das waren wir ihm schuldig. Es war ein sehr friedvoller Tod, Zuhause in seinem Bett.
Was ihn so besonders gemacht hat? Nun, Hator war die Sanftmut und Bescheidenheit in Person. Er hat uns nie Ärger gemacht, nie mit anderen Hunden Händel angefangen und war immer ausschließlich gut gelaunt. Er hat seinen Schmerz ertragen mit einer Würde, die man beim Menschen nur zu oft vergeblich sucht. Hator liebte das Leben – so wie es war und bis zur letzten Konsequenz!
(sb)
 



 
 
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