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  Ein alter Freund
 

Ein alter Freund



 
Arcos Einzug in unser Zuhause begann schon spannend wie ein Krimi. Irgendwann im Herbst 2007 wurde ich auf einen alten Setter aufmerksam gemacht, der in einer Tierauffangstation in der Nähe von Berlin sein Dasein fristete. Alt und krank hieß es und er komme mit der Rudelhaltung dort wohl nicht klar. Ich setzte mich umgehend mit der Dame in Verbindung, die wegen ihm angerufen hatte und die erklärte mir, dass die ansässige Tierheimleitung ihn nicht auf eine Pflegestelle und schon gar nicht in die Obhut eines anderen Vereins geben würde. Wir schmiedeten die wildesten Pläne, wie wir den Buben von da rausbekommen könnten – als ich allerdings nach dem Namen des Tierheimes fragte und der Telefonnummer, war betreffende Dame auf einmal nicht mehr für mich zu sprechen. E-mails blieben unbeantwortet und ans Telefon bekam ich sie schon gar nicht mehr. Wenn ich nun von einem alten Setter weiß, der Hilfe braucht, dann setze ich im Regelfall Himmel und Hölle in Bewegung, um ihm auch helfen zu können. Wochen verbrachte ich mit der Recherche im Internet, rief in Tierheimen an und widmete jede freie Minute dieser Suche nach dem Setter im Heuhaufen – diese Wochen haben mich wirklich um den Schlaf gebracht, denn ich wusste, dass dem Buben nicht mehr so viel bleiben würde und jeder Tag ein weiterer verlorener in seinem nicht mehr allzu langen Leben sein würde. Eines Tages wurde ich in einem Forum fündig – ich klemmte mich sofort hinters Telefon, erreichte die Tierheimleitung mit dem ersten Anruf. Mit einem Grummeln im Magen schilderte ich ihr mein Anliegen, erklärte lang und breit unsere Arbeitsweise und wagte schließlich mit zitternder Stimme den Vorstoß „Können Sie sich denn vorstellen, den Arco in unsere Obhut zu geben?“. Ich war auf alles gefasst, schließlich hatte ich noch im Ohr, dass Arco wohl keinesfalls an einen anderen Verein gegeben würde. Nach der Antwort war ich baff: „Natürlich, wir sind doch froh, wenn wir das Vieh endlich los sind.“. Da ich bereit gewesen wäre, sein Gewicht mit Gold aufzuwiegen, verkniff ich mir einen bissigen Kommentar.

Rudi wollte wenig später seine Eltern in Görlitz besuchen und machte auf dem Rückweg einen Umweg über Berlin, um den Arco abzuholen. Ich hatte ihm eingeschärft, ja recht freundlich zu der Leitung zu sein, schließlich wollten wir ja den Buben haben. Seine Schilderungen über die Übernahme, lassen noch heute alle meine Haare zu Berge stehen. Als er ankam war natürlich niemand da und langsam machte sich Nervosität breit – zugegeben, Rudi fliegt manchmal genauso tief wie ich auf der Autobahn, denn der Zeitdruck sitzt uns immer im Genick und so war er wohl ein wenig zeitig dran. Ein wenig später kam die Dame und führte Rudi in Richtung Stall eines Gehöftes. Er betrat mit ihr den dunklen Stall, verlief sich allerdings, weil man ja nichts sehen konnte. Kurze Zeit später öffnete sich die Tür und ein alter klapperdürrer Setter sprang in wilden Galoppsprüngen über den Hof und freute sich seinen abgemagerten Hintern ab, begrüßte die anderen Hunde. Rudi ging samt Arco mit der Leitung ins Haus, dort setzte der alte Setter kurz einer Katze hinterher und fing sich deshalb von ebendieser Dame 2 mächtige Ohrfeigen ein. Rudi musste sich wohl sehr beherrschen, damit der dieser Dame nicht 2 ebensolche verpasste. Anweisungsgemäß blieb er freundlich. Er ließ den Übergabevertrag schnell unterschreiben, den ich ihm vorsorglich mitgegeben hatte, packte Arco ins Auto und gab Gummi. Zwischen Rudi und Arco sollte sich Laufe der Zeit noch eine sehr spezielle Freundschaft entwickeln. Alles in allem war seine Übernahme verdammt knapp – eine Woche später kam der große Kälteeinbruch mit mehreren Wochen grimmigen Frostes. In seinem Stall wäre er entweder erfroren oder hätte sich eine tödliche Lungenentzündung zugezogen. Nun lag er endlich auf der Couch am warmen Ofen und genoss jede einzelne Sekunde.



Arco ... ein Bild des Jammers. 19 kg auf 65 cm Schulterhöhe, ein völlig entzündeter Kiefer, der ihm aufgrund von Nervenschäden bereits eine Gesichtshälfte und einen Teil des Kehlkopfes gelähmt hatte, das Herz war schwach und er hatte krumme Beine und einen steifen Rücken .... Der alte Kämpfer hatte allerdings Lebensfreude pur. Arco hing verbissen an jeder Stunde, die von seinem Leben noch übrig geblieben war. Zuerst musste er die medizinische Grundversorgung über sich ergehen lassen. Arco war weder entwurmt, noch geimpft, der Kiefer musste saniert werden – habe ich eigentlich schon erwähnt, dass die Tierheimleitung des Tierheimes, aus dem Arco stammt, Tierärztin war? Die adäquate medizinische Versorgung eines so alten Hundes hatte sich wohl nicht mehr rentiert. Es gibt immer wieder Sachen, die mich wütend machen. Immerhin hatte sie Rudi noch eine Packung Entwurmungstabletten mitgegeben, ein wenig peinlich war ihr sein Zustand also schon. Arco wurde komplett saniert und hätte nach kurzer Zeit den Hunde TÜV problemlos bestanden.

Arco befand sich ab jetzt im zweiten Frühling. Ich weiß noch, wie es hieß, er komme mit der Rudelhaltung nicht klar – nicht klar kommen? Ich habe selten einen Rüden erlebt, der so eloquent und einfühlsam das Rudel führte. Er wachte über jeden einzelnen, nahm Neuankömmlinge unter seine Fittiche und bewies auch bei Welpen und Junghunden das Erziehungspotential einer alten Zuchthündin. Ganz besonders angetan hatte es ihm in all der Zeit jedoch ein riesiger Irish Setter Rüde, der Athos. Bereits nach den ersten Minuten seiner Ankunft adoptierte er ihn – Athos wurde sein Ziehsohn. Nun war Athos geradezu gigantisch groß und wog gute 40 kg, Arco mit seinen mittlerweile 27 kg nahm sich dagegen wie ein Zwerg aus. Irgendwie sahen die beiden wie Pat und Patterchen aus. Athos war eher schüchtern, auch was andere Hunde betraf und machte immer einen Rückzieher, was Konfrontationen anging – Arco dagegen war ein Draufgänger, der sich so schnell nicht die Butter vom Brot nehmen ließ. Wenn einer Ärger wollte, dann kriegte er den im Regelfall auch. So kam es eines Tages zu einer schicksalhaften Begegnung, über die wir heute immer noch lachen. Bruno, ein gestandener 2 jähriger Australischer Schäferhund, baute sich ausgerechnet vor Athos auf und forderte ihn heraus, zeigte die Zähne, knurrte. Athos dagegen beschwichtigte ihn die ganze Zeit, gähnte, schaute betont zur Seite. Je mehr er beschwichtigte, umso mehr drohte Bruno. Athos war das sehr unangenehm und er wollte eigentlich nur weg. In diesem Augenblick hatte Arco seinen Ziehsohn erreicht, begriff sofort das Dilemma, in dem sich Athos befand. Er rempelte ihn zur Seite und ich schwöre, dass sein Blick in dieser Sekunde besagte: „Mach mal Platz, Sohn. Ich zeige dir jetzt, wie das geht.“. Arco konnte vor lauter Kraft kaum gerade stehen und baute sich vor Bruno auf. An diesem Punkt sah Bruno dann doch lieber zu, dass er Land gewann – mit dem alten Recken Arco war in dieser Hinsicht nicht zu spaßen. Arco verließ mit stolz geschwellter Brust den Platz seines Sieges, an seiner Seite einen nicht minder stolz dreinblickenden Athos. Es hätte mich nicht gewundert, wenn die beiden wie in einem schnulzigen Western irgendwann Seite an Seite in den Sonnenuntergang getrabt wären. An dem Tag, an dem Athos vermittelt wurde, trauerte Arco sehr. Ich hatte so sehr für unseren alten Buben gehofft, dass die Familie ihn einfach mit einpacken würde, aber es sollte nicht sein. Zum Glück nahm unser alter Freund es uns nicht lange krumm und widmete sich schnell wieder seinen Aufgaben als Rudelführer – allerdings pflegte er nie wieder eine so intensive Freundschaft wie zu seinem Ziehsohn Athos.
 

Überhaupt wurde das Thema Freundschaft im Leben des alten Arco groß geschrieben – auch wenn es manchmal ein steiniger Weg dahin war. Zwischen Rudi und Arco gab es eine solche, der Beginn war allerdings alles andere als freundlich. Arco bestand von Anfang an auf seine Teilnahme an unseren großen Waldspaziergängen. Dabei stiefelte er meiner Atcha hinterher mit einem Gesichtsausdruck der besagte „Die hat Ahnung von der Jagd, an die muss ich mich halten.“ und genau das tat er dann auch. Irgendwann wurde er ein wenig selbstständiger, lief hierhin oder dahin, verlor uns aber nie wirklich aus den Augen. Eines Tages bog er ab, auf eine Lichtung und kam nicht wieder. Rudi ging hinterher, kurze Zeit später begann ein Getöse, dass ich ernsthaft glaubte, beide wären in ein Wildschweinrudel geraten. Einige Minuten danach bog ein wütender Rudi aus dem Wald, einen nicht minder wütenden Arco an der Leine. Die beiden hatten sich um ein Stück Wildschweinkacke gestritten – Arco wollte es essen, Rudi wollte das Gegenteil. Das Ende vom Lied waren ein zerissener Pullover und eine Bißwunde am Arm – und essen durfte Arco das Stück Kacke trotzdem nicht. Frust auf allen Seiten – und Rudi war sehr enttäuscht von „seinem“ Arco, den er von Anfang an besonders ins Herz geschlossen hatte. Die Beziehung hatte einen tiefen Riss, der nicht so leicht zu kitten war. Männer! Ein paar Wochen später kam ich einmal reichlich spät von der Arbeit wieder und fand Rudi und Arco tief schlummernd auf der Couch, eng aneinandergekuschelt. Sie hatten sich ausgesprochen und von diesem Zeitpunkt an nahm nicht nur Rudi Arco ernst, sondern auch Arco hörte zu, was Rudi zu sagen hatte. Und die Couch gehörte von diesem Zeitpunkt an ausschließlich den beiden.



Nun, Arco war ein gestandenes Mannsbild – genauso verhielt es sich mit seiner Beziehung zur Damenwelt, allerdings war er nie ein Macho. Er begegnete seinen Angebeteten immer höflich und nie aufdringlich. In seinem zweiten Jahr bei uns zog eine sehr betagte und ebenso entzückende Irish Setter Hündin bei uns ein, die ich schon aufgrund eines Fotos „Na, Omi!“ getauft hatte. Eigentlich sollte sie bei uns schnell kastriert werden, aber einmal wieder machte uns das Schicksal einen Strich durch die Rechnung, diesmal in Form einer Bluterkrankung namens Anaplasmose, die längere Zeit behandelt werden musste. Die Kastration konnten wir also erstmal vergessen und die Läufigkeit von Naomi ließ nicht lange im Zusammenleben mit einem unkastrierten Rüden auf sich warten. Beide waren der Meinung, dass das sehr schöne Kinder würden und benahmen sich dementsprechend wie Teenager. 3 Wochen lebte ich mit den Mädels auf der einen Seite der Wohnung, Rudi mit den Jungs auf der anderen. Die beiden Königskinder konnten also nicht zueinander kommen und eine Freundin von mir witzelte mit scharfer Zunge, dass die beiden Alten, die beide tätowiert waren, wohl eine gute Grundlage für eine FCI Zucht wären. Wer nicht in diesen Wochen hier lebte, hatte gut zynisch reden – Naomi jammerte die ganze Zeit, Arco brüllte wie ein Esel. Ich habe mich vorsichtshalber bei unserem Vermieter für den Lärm in den nächsten Wochen entschuldigt, der das mit einem Lachen und einem „Ja, ja, die Liebe .....“ zur Kenntnis nahm. Wir machten drei Kreuze, als Romeo und Julia endlich wieder ein gemeinsames Leben führen konnten und hier alles wieder seinen gewohnten Gang ging.

Arco's Erlebnisse würden wohl Bücher füllen. Er verbrachte knappe zwei Jahre bei uns – ein Zeitraum, den wohl keiner für möglich gehalten hätte. Das letzte halbe Jahr konnte er nicht mehr mit uns in den Wald fahren, er hätte die großen Runden nicht mehr geschafft. Aber er hat sich nie beschwert. Zum Schluss verlor er wieder viel Gewicht. Arco hatte mehrere Paten, die ihn bei seinem Lebensunterhalt unterstützten. Herr V. schickte ihm regelmäßig Päckchen mit Herztabletten und Schmerzmitteln, auf die Arco dauerhaft angewiesen war. Ein Päckchen mit Schmerztabletten kam sogar von einer lieben Tierfreundin aus Griechenland. Es ist erstaunlich, wie Arco mit seiner Geschichte die Menschen verband – auch über die Ländergrenzen hinweg. Und überhaupt bekam Arco regelmäßig Post – Petra W. schickte ihm Päckchen mit Naschereien und Spielzeug und hat ihm sogar eine wunderschöne Decke mit seinem Namen darauf selbst genäht. Herr V. ließ es sich übrigens nicht nehmen, Arco einmal zu besuchen. Da ging es unserem alten Recken, der immer gekämpft und nie aufgegeben hat, schon nicht mehr gut. Trotzdem hat er diesen Besuch und die Aufmerksamkeit sehr genossen.
 

Abends hatten wir ein kleines Ritual – er ging ins Schlafzimmer, krabbelte in seinen großen Plüschkorb und ich deckte ihn zu, gab ihm einen Gutenachtkuss und sagte „Schlaf gut, alter Freund.“. So auch am Abend des 6. November 2009, kurz vor Mitternacht. Als wir am nächsten Morgen aufstanden, hatte sich unser alter Freund klammheimlich auf den Weg zum Regenbogen gemacht. Er lag noch genauso da, wie ich ihn zugedeckt hatte, friedlich schlafend. Arco ist mit einem Knall in unser Leben getreten und genau so wieder gegangen – und irgendwie passte das zu einem alten Freund, der deutliche Spuren hinterlassen hat. Er fehlt noch immer ...
(sb)




 
 
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